Graduation mit Kihehe, Pilau und Bongo flava

Diesen Donnerstag sollte die Abschiedsfeier der Siebtklässler an der Grundschule sein. Die tansanische Primary School geht von der 1. bis zur 7. Klasse, danach gehen manche der Schüler auf eine Secondary School, die dann wiederum entweder 4 – vergleichbar mit unserer Realschule – oder 6 Jahre geht – etwa wie unser Gymnasium. Dieses Jahr haben vier unserer Kinder die siebte Klasse der Dorfschule Mkawaganga besucht, damit gehören sie zu einem Jahrgang, der aus 15 Schülern und Schülerinnen besteht und der erste ist, der diese Grundschule verlässt. Es gibt die Schule also seit 7 Jahren. Auf der Einladung an alle Eltern und Verwandten der Schüler, die unser Kinderdorf natürlich auch bekommen hat, stand: 26. September 2013, Beginn: 10.00 Uhr. Als Kathrin und ich schick angezogen vorsorglich erst um viertel nach zehn an der Schule ankamen, war der Anfang jedoch lange noch nicht in Sicht. Bis alles vorbereitet und alle Gäste eingetroffen waren, sollten noch Stunden vergehen… Um 12.30 Uhr war es dann soweit und die Sherehe (Feier) startete mit der National- und der Schulhymne und der Begrüßung der Eltern und Angehörigen und der etwa 20 VIPs (unter anderem Pfarrer, Priester, der Bürgermeister, unser Kinderdorfdirektor Ingo, ein sehr angesehener, aber überraschend junger Manager eines tansanischen Handyanbieters, der Schulleiter und einige andere, deren Funktionen ich nicht verstanden habe). Diese wichtigen Menschen (die auf Plastikstühlen statt auf Schulbänken unter dem selbstgebauten Strohpavillon saßen und Soda (Softdrinks wie Cola, Fanta, Sprite) und Wasser bekamen), und nachher leider auch Kathrin und ich, sollten sich kurz einzeln vorstellen. Sie starteten oft mit einem „Die Schule Mkawaganga lebe hoch!“ oder sie begrüßten die Menge auf Kihehe.

Kihehe ist die Sprache des Stammes, der hier in der Region lebt. Sie unterscheidet sich komplett vom Kiswahili und wird von so ziemlich jedem in dieser Gegend neben Kiswahili beherrscht. Es kann sogar vorkommen, dass man gerade auf so kleinen Dörfern wie hier Menschen trifft, die kaum oder gar kein Kiswahili verstehen und nur Kihehe sprechen. Wenn man hier durch das Dorf läuft, wird man sofort herzlich lachend empfangen und freundlich aufgenommen, wenn man zum Beispiel alte Frauen auf Kihehe grüßt. Jedoch ist das gar nicht so einfach, weil die Sprache nicht aufgeschrieben wird und es so schwierig ist, sich die Silben zu merken, die aus meinen Augen wahllos aneinandergereiht werden.

Nach der Begrüßung startete das Programm. Es gab Gesänge (bei denen fast immer auch getanzt wurde) und Reden und es wurden von den Schülern Tänze oder selbstgeschriebene Lieder und sogar ein Rap vorgetragen. Die jungen Lehrer der Schule hatten viel Spaß und tanzten immer mal bei den Kindern mit oder machten Späße. Einer der Lehrer führte uns als Moderator durch das Programm, was jedoch oft sehr anstrengend war, weil das Mikro teilweise unaushaltbar rauschte und ein DJ im Hintergrund die ganze Zeit laute bongo flava-Musik spielte.

Eine Mischung aus Hiphop, Rap, afrikanischen Rhythmen und Partymusik: das ist der bongo flava, die Musikrichtung, die in ganz Tansania von groß und klein vergöttert wird und zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu jeder Gelegenheit gehört wird. Sei es im Club, in einem Geschäft, im Daladala, auf einer Hochzeit oder im Radio, überall hört man diese Klänge und manchmal sogar dieselben Lieder in Dauerschleife. Deswegen gibt es auch zwei Lieder, die jeder Freiwillige hier, auch nach nur 2 Monaten, schon mindestens einmal pro Woche gehört hat: Personally von P-Square und Piga Makofi (was soviel wie klatschen oder Applaus bedeutet) von Asana. Gerade das erste scheint momentan sehr in zu sein! Hört sie euch mal an!

Hinzu kam der Schweißgeruch, der von den vielen, schick angezogenen Körpern, von denen wir umrundet waren, ausging, die fehlende Möglichkeit, sich gemütlich anzulehnen und ab etwa 14 Uhr auch Hunger und die Ungewissheit, ob es auf dieser Festlichkeit etwas zu essen geben würde und wenn ja, ob wir auch etwas bekommen würden oder nur die VIPs. Es tat gut, sich einen Moment hinzustellen, als der Bürgermeister Kathrin und mich in seiner Rede darum bat und uns lobte und dafür dankte, dass wir (klar, gerade ich..!!) soviel zur Schule beitragen und dafür extra aus Deutschland gekommen sind. Alter Schleimer! Ansonsten ist der Bürgermeister hier aus dem Ort ein korrupter, sexistischer und unsympathischer Mensch, was wir schon selbst erfahren und von vielen gehört haben.

Gerettet wurde meine Stimmung, als angefangen wurde, die Auszeichnungen und Zeugnisse, sowie sämtliche Geschenke von Verwandten (naja, hauptsächlich hat das Kinderdorf geschenkt) auszuteilen und als dann endlich verkündet wurde, dass es bald Essen gab. Das dauerte dann zwar noch bestimmt eine halbe bis Dreiviertelstunde, aber dann saßen wir glücklich vor einem riiiiiesen Teller Essen. Und was für eins!!!

Das Essen war ein wahres Festessen: Es gab eine riesengroße Portion Wali (Reis) neben einer riesengroßen Portion Pilau (eine Art dunkler Gewürzreis mit Fleischstücken) mit einer Tasse Maharage (Bohnen) und einer Tasse Juisi (Soße, auch mit Fleisch) und Fleisch. Darauf kam noch ein wenig scharfer Tomatensalat (ich glaube, der heißt Kwachumbani oder so ähnlich), man bekam eine Banane dazu (die die Tansanier in ihr Essen matschten, wir uns jedoch als Nachtisch aufhoben) und jeder durfte sich eine Soda nehmen. Also ein Festmahl, was viele der Eltern und Schüler wahrscheinlich schon lange nicht mehr gegessen hatten. Das Essen wurde mit der Hand gegessen, was gar nicht so einfach ist und bei uns, die wir zum ersten Mal Reis mit der Hand aßen, wahrscheinlich ziemlich lustig aussah und eine riesen Sauerei hinterließ. Nach 10 Minuten waren alle fertig. Da war ich gerade bei der Hälfte meines Tellers und eigentlich schon pappsatt. Dass ich mich noch durch den Rest kämpfte, spürte ich noch viele Stunden danach an meiner Sattheit und die Banane habe ich natürlich nicht mehr geschafft.

Um 16 Uhr haben wir dann dankend das Angebot von Ingo angenommen zu fliehen und mit dem Auto mit zurück ins Kinderdorf zu fahren und sind hier dann erstmal erschöpft und mit Kopfschmerzen ins Bettchen gefallen. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) wir den ganzen Tag nur gesessen haben, war es total anstrengend!

Ein schöner und spannender Tag war es aber dennoch! So sieht also eine „Graduation“ von einer tansanischen Grundschule aus…

Fühlt euch gedrückt,
eure Laura

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *